Sonntag, 30. Juni 2013

LimeViews: Der bunte Schleier (Film)

OT: The Painted Veil
Regie: John Curran
Drehbuch: Ron Nyswaner
Musik: Alexandre Desplat
Produktion: Edward Norton
Naomi Watts
Sara Colleton
Jean-François Fonlupt
Bob Yari
ED: 20. Dezember 2006
Land: China, USA, Belgien, Kanada
Laufzeit: 120 min
Darsteller: Naomi Watts
Edward Norton
Liev Schreiber
Diana Rigg
Toby Jones
Anthony Wong
FSK: ab 12
Genre Drama/Romance
Die üblichen Gründe

Deutschland, ein Samstag, sonnig: mein bester Freund kann die Sonne nicht genießen, weil wir im Thalia rumlungern. Seit einer guten halben Stunde nerve ich ihn damit, dass ich, süchtig wie ich bin, das Regal mit den Filmen im Angebot durchwühle.
Ich kreische stumm verzückt auf, schnappe mir eine DVD und ziehe meinen Besten mit mir. Der arme Kerl, die Welt und meine Gesundheit in Frage stellend, weiß nicht, wie ihm geschieht. Während ich noch bezahle, drücke ich ihm meinen Einkauf zur näheren Begutachtung in die Hand.
"...okay? Ist das eine Romanze?", fragt er perplex ob der ungewohnten Mädchenhaftigkeit meines gewählten Genres.
"EDWARD NORTON.". Ich tippe wahllos auf die Hülle, irgendwo da, wo sich meiner Meinung nach ein Edward Norton befinden sollte.
"Aso".

Nur eine Romanverfilmung?


Darüber könnte William Somerset Maugham herzlich lachen. Der 1965 verstorbene britische Schriftsteller gehört nämlich zu den meistverfilmtesten Autoren der Welt. Sein 1925 erschienenes Werk Der bunte Schleier fungiert hier als bestes Beispiel-bis dato wurde die Geschichte drei Mal verfilmt; zum ersten Mal 1934 mit Greta Garbo und Herbert Marshall, dann 1957 mit Eleanor Parker und Bill Travers in den Hauptrollen.
Auch zu Lebzeiten war Maugham enorm erfolgreich, blieb sich selbst und seinem Können als Autor gegenüber aber immer kritisch. Oftmal ließ er Teile seiner Biographie in seine Erzählungen einfließen-wie der männliche Protagonist in Der bunte Schleier war Maugham bis zu seinem literarischen Durchbruch Arzt.

Der Weg ist das Ziel

Eine eher einseitige Ehe: er liebt sie,
sie ihn nicht.
1925: viel hatte sich Kitty Fane (Naomi Watts) von ihrer Ehe nicht erwartet, hatte sie den langweiligen Mikrobiologen Walter Fane (Edward Norton) doch nur geehelicht, um so weit wie möglich von ihrer Mutter und London wegzukommen. So weit nicht enttäuschend, denn bald residiert sie mit Walter in Shanghai und genießt sämtliche Privilegien, die ihr Mann ihr bieten kann. Der weiß nämlich, dass sie ihn nicht aus Zuneigung heraus geheiratet hat, ist aber fest entschlossen, dies zu ändern. Jedoch ist die verwöhnte Kitty weiter denn je davon entfernt, sich in Walter zu verlieben, und beginnt eine Affäre mit dem britischen Vizekonsul Charlie Townsend (Liev Schreiber), der ebenfalls verheiratet ist.
Walter kommt recht schnell hinter die Treulosigkeit seiner Ehefrau und fordert sie auf, mit ihm nach Mei-tan-fu zu reisen. In dem kleinen Dorf im tiefsten China ist die Cholera ausgebrochen, und ein Mikrobiologe mit den Fähigkeiten eines Arztes wird dort dringend gebraucht. Natürlich lehnt Kitty ab, die Reise dorthin gleiche einem Selbstmord. Als Walter sie mit seinem Wissen über den Ehebruch konfrontiert, denkt sie nicht an Reue: "Kann ein Mann eine Frau nicht glücklich machen, ist dies seine Schuld." (Autsch.).
Er droht mit der Scheidung seinerseits und macht ihr ein Angebot: sollte sie Townsend dazu bekommen, seine Frau zu verlassen, dürfe sie die Scheidung im Stillen einreichen.   

Walter Fane marschiert mit seiner Frau direkt in ihr beider
Grab.Zumindest ist Kitty fest davon überzeugt.


Beim Gespräch mit dem Liebhaber wird Kitty klar, dass Walter ihr dies nicht aus Gutherzigkeit vorgeschlagen hat; der Vizekonsul lässt sie schnell fallen, sie muss gedemütigt und mit gebrochenem Herzen ihren Ehemann auf seiner Reise quer durch China begleiten. Und der Betrogene hat es sich zur Aufgabe gemacht, die beschwerliche Reise für Kitty zum asiatischen Höllentrip umzugestalten.

Sein Hass ihr gegenüber ist nicht im Mindesten abgekühlt, als sie Mei-tan-fu erreichen. Während er sich in seine Arbeit stürzt und seine Frau gekonnt ignoriert, macht Kitty unter anderem Bekanntschaft mit ihrem einzig noch lebenden Nachbarn Waddington (Toby Jones) und der Mutter Oberin (Diana Rigg) des Klosters, in dem ihr Mann ab und an arbeitet. Nach und nach beginnt sie, die Folgen ihres Handels zu begreifen und ihren Betrug zu reflektieren.


Man kann sehr viel Spaß an Der bunte Schleier haben, wenn man sich nicht davon abschrecken lässt, dass man den Ausgang beinahe kennt. Ich meine, ihr habt das DVD-Cover ja gesehen- gibt es da noch irgendwelche Geheimnisse? Muss man sich die Frage stellen, ob unsere Protagonisten noch zueinander finden? Wohl kaum. Aber darin liegt auch nicht die Stärke der Geschichte. Diese wird oft mit Der englische Patient, einem Klassiker des Genres, verglichen. Für mich persönlich bildet Der bunte Schleier die Alternative: was wäre, wenn der Betrug entdeckt worden wäre? Und das Motiv des Betruges leuchtet der Film sehr gut aus. Auf beiden Seiten herrscht Enttäuschung, jede Partei hat sich ihr Leben ab der Hochzeit anders vorgestellt.
Das kleine Stück chinesische Politik, das mit hereingebracht wurde, ist nicht brillant inszeniert, addiert aber zu dem Grundton des Films viel hinzu. Auch hier muss man sich vorher bewusst machen, dass es keine Polit-Romanze ist.
 
Gibt es dieses Genre überhaupt? Haben wir für nächstes Jahr Der wahnwitzige Pianist zu erwarten, mit Angela Merkel und Vladimir Putin in den Hauptrollen?
Fragen über Fragen. Ich halte bei der Kinovorschau künftig die Augen offen.
 

Ein Mann bei der Arbeit: John Curran mal vor der Kamera.
Aber jedem, der eine ausgeprägte Liebe der chinesischen Landschaft empfindet, ist der Film noch einmal besonders ans Herz zu legen. Tatsächlich wurde alles (selbst die Szenen, die in London spielen sollten) in China gedreht. Wir bekommen immer wunderschöne Landschaften, fast im jeden Bild einen großartigen Hintergrund oder eine fantastische Gesamtkulisse. Noch dazu hat John Curran sich Gedanken über die Farbkomposition gemacht, was so manches Mal recht üppige Früchte trägt: hier sieht vieles noch fantastischer aus.

John Curran beweist hier, dass er für Regie ein echtes Gespür hat. Auch im Film Stone (2010, ebenfalls mit Edward Norton in der Hauptrolle), der von den meisten Kritikern verrissen wurde, lässt er ein gewisses Talent erahnen. Von Drehbüchern sollte er sich allerdings fernhalten. Nie, nie wieder möchte ich so etwas wie The Killer Inside Me sehen, Mr Curran!!
 
Die Kameraführung erweist sich als sehr solide. Ab und an sind sehr nette Shots dabei, vor allem, wenn die Landschaft eingebunden wird.
 
Auch die Musik ist durch und durch fantastisch. Hier erleben wir einen wahrhaft schaffenden Alexandre Desplat. Passt man sich im Trailer noch mit dem aus The Last Samurai entliehenen Stück Spectres in the Fog der asiatischen Kultur an, scheint Herr Desplat auch die britische Herkunft der Figuren nicht zu vergessen. Hervorzuheben ist vor allem River Waltz, zweifelsohne zum Höhepunkt des Films gespielt.
 
Man nehme...

Performances, die sich gegenseitig komplettieren: Naomi
Watts und Edward Norton mimen ihre Parts mit
herausragender Menschlichkeit.
Eine Romanze lebt natürlich von den beiden Hauptakteuren. Sind die nicht in Form, kann man auch mit den nettesten Landschaftsaufnahmen nichts mehr reißen. Brokeback Mountain lässt grüßen.
Aber natürlich ist hier klar: mit Naomi Watts und Edward Norton kann man nichts falsch machen.
 
An Frau Watts muss man zunächst großes Lob ausschütten, denn sie spielt Kitty Fane mit einer so gefestigten und doch lebendigen Art, dass es eine Wonne ist, ihr zuzuschauen. Und das ist das Wichtigste, denn Kitty ist immerhin unsere Protagonistin. Man sieht sie noch öfter als Walter, beinahe in jeder Szene, und sie ist kein Charakter, der Sympathien garantiert. Zu Anfang präsentiert sie eine derart selbstgefällige Arroganz, man möchte sie mit einem Pizzaschneider vierteilen.
Ich meine WIE *dramatisches Nach-Luft-ringen* kann man Edward Norton betrügen??
Spaß beiseite, die Gründe sieht man natürlich irgendwo, auch wenn Kitty selbst später reflektiert, dass Walter nicht die schlechteste Art von Ehemann ist.
Mal abgesehen davon dürfte die von Liev Schreiber und Watts dargestellte Affäre wohl der Anfang der Beziehung der beiden gewesen sein. Mutmaße ich jetzt mal. Und da die Liebesgeschichte zwischen diesen beiden Akteuren gut laufend und von zwei Kindern gekrönt ist, macht auch da das zugucken sehr viel Spaß.

Ihr Reviewer ist gerade lautlos in Ohnmacht gefallen.
Und Edward Norton ist... Edward Norton. Man könnte sich an dieser Stelle mit vielen reißerischen
Attributen über sein Können auslassen, aber nicht eines käme diesem Mann gleich. Die Figur des Walter Fane hält an sich einige ungewollte Slapstickeinlagen bereit, die Norton gekonnt umgeht und Walter wie einen sehr realen Charakter erscheinen lässt. Wird er von Kitty erst als seltsam angesehen, saß ich vor'm Fernseher und habe innerlich geweint, dass mir so ein Mann nie zuläuft.
Er schenkt ihr Blumen, Pralinen, überschüttet sie mit sehnsüchtigen Blicken und will ihr quasi die Welt zu Füßen legen. Formvollendet hält er um ihre Hand an, obwohl er sich bewusst ist, dass sie ihn nicht liebt.
Darauf zeigt sich die Qualität der Charaktere: sobald der Betrug aufgedeckt ist, verachtet er Kitty und sich selbst. Walter zeigt wahre Ekel-Qualitäten, während es Kitty immer schlechter und schlechter geht. Aber auch das genießt er nicht. Denn aufgehört, sie zu lieben, hat er auch nicht.
 
Im Nebencast ausdrücklich zu erwähnen ist außerdem Liev Schreiber, oben bereits genannt, als Kittys Affäre. zwar wirkt er im direkten Vergleich mit Norton und Watts recht blass, aber das täte wahrscheinlich jeder, insofern hat er das gut gemacht.
Das Glanzstück des Nebencast ist aber immer noch Toby Jones. Waddington an sich ist schon ein sehr netter, interessanter Nebencharacter, aber Toby Jones beweist einmal mehr, dass er einer von Großbrittaniens interessantesten Kleinrollendarstellern ist. Die Tatsache, dass er der einzig noch lebende Nachbar der Fanes ist, legt er mit so viel subtilem Witz dar, dass seine Auftritte im Film zur Erleichterung werden. Denn er ist der Problemlöser, der kleine Matchmaker im Hintergrund, der die Fäden zieht und die Fanes wieder in Richtung Eheleben schubst.
Daran ist aber auch die Figur von Diana Rigg, die Mutter Oberin, nicht ganz unbeteiligt. Sie gibt Kitty den ein oder anderen weisen Ratschlag auf den Weg und offenbart erstaunlich verständliche Details über das Leben als Nonne. Ein Jammer, dass Rigg hauptsächlich für Mit Schirm, Charme und Melone in Erinnerung bleiben wird- können tut sie noch einiges mehr.
 
Insgesamt liegt der Fokus des Films klar auf den Hauptdarstellern, aber auch die Nebendarsteller wissen zu überzeugen.

Kostenpunkt/ Bonusmaterial auf der DVD

Ich selbst habe den Film für etwa 5 Euro bei Thalia erstanden, auf Amazon ist er natürlich günstiger: knapp 1 Euro gebraucht und ab 2, 74 Euro neu.
Wir finden auf der DVD nicht wirklich so viel Zusatzmaterial. Ein paar Interviews mit Norton und Watts als Produzenten, dann die beiden als Schauspieler, eins mit Liev Schreiber, eins mit Toby Jones und eins mit Regisseur John Curran. Die sind aber alle nicht besonders lang und geben nur bedingt Einblicke in die Entstehung und Bedeutung des Films.

Hinzukommend noch der deutsche Trailer zum Film und Trailer von The Illusionist, Death Defying Acts und Filth & Wisdom.
Die beiden ersten Trailer werden ohnehin vor dem Menü abgespielt und, was für mich besonders ärgerlich ist, können zumindest auf dem Laptop nicht vorgespult werden. Was für mich besonders schmerzt, da The Illusionist der Film mit Edward Norton in der Hauptrolle ist, den ich am wenigsten mag. Wirklich am allerwenigsten. Wen es nun brennend interessiert, ein Kurzkommentar zu allen dreien:

The Illusionist (Sparte Magie): Muss man absolut nicht gesehen haben. Alle magischen Plotelemente fallen der eher mäßigen Romanze zum Opfer. Haltet euch an The Prestige.

Death Defying Acts (Sparte Magie, über Harry Houdini): weitesgehend unspektakulär. Mit Guy Pearce und Catherine Zeta-Jones. Kann man, muss man aber nicht. Haltet euch an The Prestige.

Filth & Wisom (ein Etwas aus Komödie, Musical, Drama und Romanze): Madonna führte Regie. Muss ich mehr sagen als haltet euch davon fern?
Haltet euch lieber an The Prestige.

So, wieder zum eigentlichen Thema...
Das Bonusmaterial ist recht solide, aber nichts so Spektakuläres. Vor allem die Interviews, da das einzige richtige Bonusmaterial, hätte ausgebaut werden können.

Fazit
 
 Der bunte Schleier ist ein Film, der seine Unbekanntheit eigentlich nicht verdient hat. Man bekommt zwar keine großen Überraschungen, aber wundervolle Bilder und eine recht kraftvolle Romanze mit erstklassigen Darstellern geliefert. Weiterhin erfolgt die Auseinandersetzung mit Schuld und Vergebung der Vorlage getreu glaubhaft und schnörkellos. Wichtig ist nur, dass man eher den Film an sich und die Reise, die er schildert genießt, als zu erwarten, dass etwas anderes passiert als das, was man mit einem Blick auf's Cover vermutet.
Oh, und bevor ich's vergesse: die Taschentücher nicht vergessen, Ladies. Glaubt mir, ihr werdet sie wirklich brauchen!!

Der bunte Schleier erhält 7,6 von 10 Owlpoints.