Samstag, 20. April 2013

LimeViews: The Virgin Suicides (Film)

 
OT: The Virgin Suicides
Regie: Sofia Coppola
Produktion: Dan Halsted
Chris Hanley
Francis Ford Coppola
Julie Costanzo
ED: 19. Mai 1999 auf dem Cannes Film Festival
Land: USA
Laufzeit: 97 min.
Darsteller: Kirsten Dunst
James Woods
Kathleen Turner
Josh Hartnett
Jonathan Tucker
A.J. Cook
FSK: ab 12
Genre: Drama


Love. Sex. Death. Passion. Fear. Obsession.

The Virgin Suicides ist ein ganz spezieller Film. Er ist das Regiedebüt von Sofia Coppola, die später für ihre Arbeit zu Lost in Translation den Oscar erhalten sollte. Und damit wir jetzt schnell alle wissen, wo wir stehen: ich finde den Film nicht nur besser als Marie Antoinette, ich mag The Virgin Suicides auch lieber als Lost in Translation. Ja, als diesen preisgekrönten, hochgelobten Film.
Das hat eine Menge mit Reaktion und Erwartung zu tun. Denn während ich nach Lost in Translation 'nur' dachte, dass der Film seinen Ruf absolut verdient, war ich nach The Virgin Suicides geschockt. Mir ging nicht in den Kopf, wie bei einem Film so vieles zusammenpassen kann.
Meiner Freundin ging es da ganz ähnlich. Wir haben ihn, da ein mutmaßlicher Mädchenfilm, bei ihr angeschaut, komischerweise mit Hustenbonbons als Snack. Als dann der Abspann über den Bildschirm zu flimmern begann, drehte sie sich zu mir und meinte:"Das war ein richtiger Suburbia-Albtraum."
Und das trifft es auch ganz gut.

Inspirierende Zeilen

Jeffrey Eugenides wurde später für
seinen Roman Middlesex bekannt.
1993 erscheint der gleichnamige Roman von Jeffrey Eugenides, dessen Erzählweise Sofia Coppola weitesgehend treu bleibt. Das erste Kapitel des Buchs gewinnt 1991 breits den Aga Khan Prize for Fiction. Einige Jahre lebt Eugenides sogar in Berlin, heute ist er Professor für Creative Writing in Princeton, New Jersey. The Virgin Suicides wurde in 34 Sprachen übersetzt, man kann nun streiten, ob man die deutsche Übersetzung ("Die Selbstmord-Schwestern") für gelungen halten kann. Sofia Coppola stieß jedenfalls durch den Bassisten der Band Sonic Youth, der ihr The Virgin Suicides empfahl, auf das Werk und fällte wohl eine ihrer besten Entscheidungen: sie bat um die Verfilmungsrechte.
Und so sitzt ihr hier und hört mich über das Resultat palavern - Herzlichsten.

Sie waren zu fünft...
Durch Cecilia und ihr Tagebuch erhalten die Jungs
der Nachbarschaft einen intimen Einblick in die
Privatsphäreder Lisbon-Schwestern
Michigan in den 70er Jahren: die Familie Lisbon lebt in einem typischen Suburbia, der Vater ist Mathematik- und Physiklehrer an der örtlichen Schule, die Mutter Hausfrau.  Von den fünf Schwestern ist die mit 13 Jahren jüngste Schwester, Cecilia (Hanna R. Hall), die Erste, die einen Selbstmordversuch unternimmt und sich aus dem Blauen heraus in der Badewanne die Pulsadern aufschneidet. Von den Nachbarsjungen werden die Geschehnisse interessiert verfolgt, pflegen sie doch ein nahezu obsessives Verhältnis gegenüber den Lisbon-Schwestern. Neben Cecilia gibt es noch die vierzehnjährige Lux (Kirsten Dunst), die fünfzehnjährige Bonnie (Chelse Swain), die sechzehnjährige Mary (A.J. Cook) und die siebzehnjährige Therese (Leslie Hayman). Durch verschiedene Fügungen gelangt die kleine Gruppe in den Besitz von Cecilias Tagebuch, welches vom selbstdeklarierten Schriftdeuter Tim Weiner (Jonathan Tucker) entsprechend auseinandergenommen wird.

Der Psychologe von Cecilia empfieht den Eltern, dem Mädchen mehr Freiräume zuzusprechen. Daraufhin geben die Eltern eine Party für die Mädchen, zu der auch die Nachbarjungen eingeladen sind, von der Cecilia sich jedoch entschuldigt, um sich aus dem Fenster auf den eisernen Gartenzaun zu stürzen und selbst aufzuspießen. Von da an überwachen die Eltern, insbesondere Mutter Sarah, ihre Töchter noch intensiver. Das ist besonders ungünstig für Tochter Lux, bemüht sich doch Trip Fontaine (Josh Hartnett), der begehrteste Junge der Schule, um sie. Und obwohl Trip es mit seinen Absichten ernst meint, beginnen die Dinge für die Lisbons ernst zu werden...

Die Geschichte von The Virgin Suicides konzentriert sich auf die fünf Schwestern, die sich von Mädchen zu Frauen wandeln. Diese Entwicklung wird von den Nachbarjungen 'beobachtet'-streng genommen könnte man es auch Voyeurismus nennen. Der Erzähler ist einer dieser Jungs, man erfährt nicht genau, wer, aber er ist jetzt erwachsen und macht sich wie alle der Jungen immer noch Gedanken über die Geschichte der Lisbon-Schwestern.
Auch bekommt man in verschiedenen 'Interviews' die Meinung von ein paar Nachbarn und dem gealterten Trip serviert. Letzterer hat ordentlich an den Nachwirkungen der Liäson zwischen ihm und Lux zu knabbern. Niemand kann oder will so recht verstehen, wie es so weit mit den Lisbon-Schwestern kommen konnte, vor allem die Jungen nicht.

Und hier kommen wir zu der Sache, die The Virgin Suicides sehr ordentlich macht: glaubhafte Darstellungen der Jungen zu liefern, für die die Schwestern ein unlösbares Enigma bleiben, obwohl sie teilweise direkt gegenüber wohnen. Man merkt sich nicht die Namen aller Jungs, sie haben auch keine sonderlich interessanten Persönlichkeiten. Das Grundprinzip hierbei ist, dass sie alle schwer fasziniert von den Lisbon-Mädchen sind. Normalerweise eher eine Gefahrenquelle, kommt dabei aber keiner von ihnen besonders nervig oder dümmlich rüber-man hat das Gefühl, dass es sich hier einfach um ausgemachte Grünschnäbel handelt, die man selbst kennen könnte.

Die Schwestern selbst wirken weniger wie einzelne Charaktere, sondern wie eine strenge Entität, Menschen, die das selbe Schicksal teilen und die die selbe Art von Leben führen. Hier bilden Cecilia und Lux eine Ausnahme: Da mit Cecilia die Geschichte im Großen und Ganzen beginnt, bekommen wir von ihr einen recht guten Eindruck. Lux ist gewissermaßen die Rebellin unter den Schwestern und die Erste, die aus dem Würgegriff der Eltern zu entkommen versucht, weswegen sie ein wenig mehr Screentime als die anderen Schwestern bekommt.
Ach ja, wo wir bei den Eltern sind...
Auch ein sehr interessanter Aspekt von The Virgin Suicides. Weder Herr noch Frau Lisbon kommen übermäßig böse daher (sie vielleicht mehr als er), die Art, wie sie aufgewachsen sind, läuft anscheinend nur nicht konform mit der Art und Weise, wie ihre Töchter aufwachsen wollen.

Wie das Leben so spielt.

(einen Trailer zitieren, den ich weiter oben schon eingefügt habe - oh yeah.)
Nach dem Film machte ich mir unwillkürlich Überlegungen zum Genre und vor allen zur Zielgruppe. Dabei ist das Genre glasklar ein Drama, aber bei der Zielgruppe kommen wir zum interessanten Punkt: Teenager.

Leute in meinem Alter. Schwierige Wesen im Alter von 11 bis 19 Jahren, obwohl Menschen ja bekanntlich nie aufhören, schwierig zu sein.
Und was man Teenagern in den Neunzigern als Zielgruppe vorgesetzt hat, mag zwar immer noch anspruchsvoller sein als das, was wir heute geboten bekommen, aber seien wir ehrlich:
Ich mag Eiskalte Engel, aber die Geschichte ist zurechtgeschnitten, hat mit der Buchvorlage wenig gemein und befindet sich in einem Setting, das geradezu bestimmt ist, Jugendliche anzulocken.
Und ich liebe 10 Dinge, die ich an dir hasse, aber auch hier hat das Ganze mit Shakespeare nur noch wenig zu tun und arbeitet nach demselben Formular.
Und die beiden Beispiele nehme ich noch als gute Vertreter für die Marke Teenfilms produced in the 90s.

Bei The Virgin Suicides ist zunächst nicht einmal klar ersichtlich, dass es für Teenager gemacht ist. Weil es so wirkt, als wolle es mit einer schlauen Botschaft für Erwachsene daherkommen. Aber spätestens bei der Party, die für Cecilia gegeben wird, breitete sich in mir ein tiefes Gefühl des beharrlichen Unwohlseins aus: die Art von Gefühl, die ich als Durchschnittsjugendliche in ähnlichen Situationen auch empfinde.
Und wenn ein Film es schafft, dass ich fühle, was vorgeht und sich das ganze so in mich hineinbohrt, dass ich nichts davon vergessen kann, wurde auf alle Fälle vieles richtig gemacht.
Und diese schlaue Botschaft für Erwachsene, die ich die ganze Zeit erwarte, kommt auch nicht. Am Ende ist da eine eigene Ratlosigkeit. Ich dachte im ersten Moment, die Lösung läge klar auf der Hand und die ganzen Selbstmorde wären so einfach zu erklären, dennoch bleibt dem Zuschauer das Gefühl, dass es einfach nicht so einfach sein kann.


Prägend: Regisseurin Sofia Coppola versteht es, die
Geschichte in Szene zu setzen.
Aber der absolut größte Vorteil des Films liegt in der Optik. Man sieht schon im Trailer, dass das Ganze stilistisch nicht nur einzigartig, sondern unfassbar großartig ist. Im Review zu Marie Antoinette erwähnte ich ja, dass Sofia Coppola ihren eigenen Regiestil hat, der recht verträumt und feminin ausfällt - das kommt hier voll und ganz zur Geltung. Es geht ja schließlich um jugendliche Mädchen und wie Jungen ihre Welt wahrnehmen, und da passt dieser Stil nunmal wie die Faus auf's Auge.
Ganz besonders dieser Shot, im Trailer bei 0:06, der bläulich gestaltet ist... ach, verdammt, der ganze Film ist eine Augenweide. Man kann ja zu Coppolas Filmen unterschiedlichster Meinungen sein, aber jeder muss der Frau zugestehen, dass sie wahre optische Knüller fabriziert.


Von links nach rechts: Jonathan Tucker, Anthony DeSimone,
Noah Shebib und Lee Kagan.
Der Cast kommt nicht minder erstklassig daher. Natürlich liegt hier großes Augenmerk auf Kirsten Dunst, die anscheinend gerne mal mit Sofia Coppola zusammenarbeitet, und wie immer macht sie das grandios. So oder so empfinde ich Dunst als ein außergewöhnliches Talent (was ich bei Marie Antoinette mal prompt vergessen habe, zu erwähnen), das nicht immer gleich auf Spider Man bezogen werden sollte.
Ich bin ein Comicverfilmung-Abhängiger, aber Tobey McWeichspülerGuire als Peter Parker? Come on.
Zudem frage ich mich, welcher Idiot von Mann Frau Dunst unter die zehn hässlichsten Schauspielerinnen wählt. Scrollt mal hoch zum Filmplakat. Wenn das hässlich ist, muss Kim Jong-un wohl eine natürliche Schönheit sein.


Opfert guten Geschmack
für den 70's-Look:
Josh Hartnett als
Womanizer Trip Fontaine.
Zudem haben wir James Woods und Kathleen Turner als recht eigenwilliges Elternpaar, aber beide machen das super. Die Jungs spielen auch ganz und gar nicht schlecht, vor allem der immer geltende Bonuspunkt Jonathan Tucker. Ja, ich bin so objektiv wie sonstwas, aber ich bin nun mal ein Fan. Wir sind doch alle von irgend etwas Fans, und ich bin unter anderem eben einer von Jonathan Tucker.

Kudos gehen auch an Josh Hartnett. Ich meine, wer sich für einen Film so eine scheußliche Perücke aufsetzt, muss seinen Beruf lieben. Die Rolle an sich hat für ihn vielleicht nicht so viel Neues
eingebracht, was wir alle nicht schon mal von ihm gesehen haben. Der charmante Frauenheld eben.

Schauspielerisch bin ich von allen Lisbon-Schwestern sehr angetan, aber leider muss ich gleich unter dem Punkt Probleme des Films nochmal auf sie zurückkommen. Obwohl es an ihnen selbst tatsächlich nichts zu beanstanden gibt.

We are family

Meiner Meinung nach hat The Virgin Suicides nur ein einziges Problem.
Und das ist leider nicht wirklich klein.
Wie ich oben erwähnt habe, habe ich ein Problem mit den Lisbon-Schwestern. Fünf an der Zahl.
Von wie vielen kennen wirdie Persönlichkeit? Zwei. Lux, die etwas rebellische und draufgängerische, und Cecilia, etwas weltfremd und schreibt gerne.
Bonnie, Mary und Therese kann ich kein Stück auseinanderhalten. Wenn man das Buch gelesen hat (ja, habe ich nicht, schlagt mich tot), soll man dazu wohl in der sein. Mir ist durchaus bewusst, dass die Persönlichkeit von fünf Menschen schwer in knapp 100 Minuten zu quetschen ist, aber es wollte ja auch niemand eine ausgedehnte Charakterstudie. Ich wollte nur die Schlagwörter, die ich bei Cecilia und Lux bekommen habe. Wer von den Mädchen ist vielleicht dauernd am lernen, welche ist die Schüchternste, welche die Sportlichste?
Das sind so Sachen, die man ganz leicht hätte einbauen können. Ich hätte ein viel besseres Gefühl für jede von ihnen gehabt und hätte an dem Drama und der Schwermut, die sie umgibt, besser teilnehmen können.

Kostenpunkt/ Bonusmaterial auf der DVD

Momentan (20. April 2013) bekommt ihr die DVD auf Amazon für etwa 9 Euro, gebraucht so ab 2 Euro. Ich habe wieder eine gute Gebrauchtversion, denn die sind meistens in echt gutem Zustand und bei den ganzen Filmen, ohne die ich nicht leben kann, muss ich irgendwo sparen. Mal abgesehen davon finde ich es ziemlich interessant, mir vorzustellen, dass meine Film mal ein Leben vor mir bei jemand anderem hatten.
Hrrrm. Schluss mit den Psycho-Allüren und weiter im Text.
Ihr findet darauf kleine, niedliche Extras wie Ausschnitte der verschiedenen Songs vom Soundtrack und Bildchen vom Dreh. Insgesamt also nichts, was einen Kauf wirklich nötig macht, aber wenn ihr den Film bereits gesehen habt und gut fandet, sind das schon schicke Kleinigkeiten.



Eulen-sie starren dich an.
Du weißt es.
Fazit

The Virgin Suicides zeichnet sich als feinfühliges Drama mit Sinn für Tiefe und Ästhetik aus. Auch durch die für die Zielgruppe untypische Erzählweise macht den Film absolut sehenswert, wobei er natürlich seine größte Stärke in Aussehen, Darstellung der pseudoliberalen 70er und charmanten Darstellern hat. Hätte man von einigen von ihnen noch mehr gesehen, wäre dieser Film ohne Zweifel so perfekt wie  das Bild, das die Lisbons oberflächlich abgeben.

The Virgin Suicides erhält 9 von 10 Owlpoints.