Mit einem leichten Schaudern betrachte ich die DVD, die mir Amazon in einem Papptütchen hat zukommen lassen.
Das habe ich bestellt?
Gut, dass Kirsten Dunst mir frech entgegenlächelt wundert mich nicht wirklich. Aber das Cover ist so... pink. Die ganze DVD ist pink.
Ich öffne die DVD und schnappe nach Luft. Noch mehr pink. Auf der DVD selbst haben sie zwei rosane Schühchen im Barock-Stil abgebildet, auf einer Art babyblauer Seide. Gut, ein Pluspunkt: es gibt ein Booklet. auch das wirkt leicht rosa angehaucht, aber man bekommt ziemlich nette Extrainformationen zu der Idee des Films.
Wappnet euch-es wird verdammt nochmal richtig pink...
The Journey
Ein Engel für Frankreich
"Sei so gut zu Frankreich, dass sie glauben, ich habe ihnen einen Engel geschickt.". Das sind die letzten Worte Maria Theresias, als sie ihre 14-jährige Tochter Maria Antonia, die später Marie Antoinette gerufen wird, in eine Kutsche steckt, um sie zu ihrem Verlobten karren zu lassen: Ludwig XVI, der Dauphin (Thronfolger) Frankreichs. Dies soll die Beziehungen zwischen Österreich und Frankreich festigen.
| Ein Bild der Prunksucht: der Hersteller französischer Luxusgebäcke, Ladurée, belieferte den Film ausgiebig mit verschiedensten Kuchen und Törtchen. |
Die kreative, fröhliche, aber auch leicht naive Marie Antoinette versucht, diesem Druck mit Hilfe der um sie versammelten Hofgemeinschaft zu entfliehen. Nur mit einer weigert sie sich beharrlich, ein Wort zu wechseln: die Comtesse du Barry, ihres Zeichens Mätresse des Königs, aber so ordinär, dass Marie Antoinette sie so gut wie möglich meidet. Erst, als dadurch die Verbindung zwischen Frankreich und Österreich zu kippen drohen, wendet sie einen belanglosen Satz an du Barry.
Sie wird zur Königin Frankreichs, als Ludwig XV an Pocken verstirbt, aber sowohl sie als auch ihr Ehemann fürchten die Verantwortung, sind sie beide doch erst knapp 20 Jahre alt.
| Eine ruhige Stunde mit den Freundinnen; Marie Antoinette gibt sich im Film natur- und landbegeistert. |
Das französische Volk wird im Zuge der Hungersnot immer unzufriedener und verurteilt Marie Antoinette, selbst, als sie einen jungen Dauphin zur Welt bringt. Als die französische Revolution beginnt, ist es sogar in Versailles bald für die Königsfamilie nicht mehr sicher...
Let them eat cake!
Ein großes Plus des Films ist, dass er, wie das Buch, mit vielen falschen Allgemeinfloskeln über Marie Antoinette aufräumt. Signifikant dabei ist immer wieder das angebliche Zitat, das Marie Antoinette zugeschrieben wird: ihre Antwort auf das Hungern der Bauern soll der Ausspruch "Wenn sie kein Brot haben, sollen sie Broiche [Apostelkuchen] essen!" gewesen sein. Und damit das jetzt ein für alle Mal geklärt ist für die, die das Thema Französische Revolution behandeln oder behandeln werden: Marie Antoinette hat das nie gesagt. Schon der Frau von Ludwig XIV wurde dieses Zitat nachgesagt und es hat seinen Ursprung vermutlich bei Jean-Jaques Rousseau im Jahre 1737. Marie Antoinette wurde 1755 geboren. Falls euer Geschichtslehrer/ eure Geschichtslehrerin etwas anderes behauptet, so verweise ich auf Antonia Frasers Biographie, Seite 160, mit den entsprechenden Belegen auf Seite 558. Diese falsche Zuschreibung wird im Film ebenfalls kurz thematisiert, zusammen mit dem Gerücht über lesbische Liebschaften oder groß angelegte Orgien. Was im Übrigen ebenfalls nicht korrekt ist. Sie galt im sexuellen Kontext sogar als prüde, sodass man selbst an ihrer (ausgesprochen kurzen) Liäson mit Graf von Fersen zweifeln kann.
What to do for pleasure?
Bereits im Trailer hört man es: Marie Antoinette mixt Barock mit Moderne, vor allem musikalisch. Coppola bedient sich bei dem Soundtrack mehr oder weniger modernen Britrocks, wie zum Beispiel bei den Hauptthemen Natural's Not In It von Gang Of Four (im Trailer ab 0:20) oder Ceremony von New Order (im Trailer ab 1:00), die tatsächlich ziemlich frischen Wind in die Thematik bringt und gleich verdeutlicht, worum es Coppola vordergründig geht: um Marie Antoinette als Person. Nicht die Revolution. Nicht die Politik zu der Zeit. Der Fokus liegt ganz klar auf der Protagonistin, auf ihrem Innenleben und ihren Facetten. Dem Zuschauer wird die letzte Königin Frankreichs als sanftes Geschöpf präsentiert, kreativ und ein wenig verträumt, aber zu jung, um sich ihre Verantwortung wirklich bewusst zu sein und zusätzlich geblendet von dem Glanz und dem Luxus, der sie in Versailles empfängt. Weiterhin finden sich Air, The Cure,The Strokes oder Souxsie And The Banshees im Soundtrack. You see: very british, my dear!
Bei aller Sympathie geraten einige Elemente ein klein wenig in den Hintergrund: Marie Antoinettes Naivität und ihr Unvermögen, sich mit der Politik ihres Landes zu befassen und ihren Gatten in dieser Hinsicht positiv zu beeinflussen. Mit zahlreichen hastigen Umschnitten und vielen Totalaufnahmen des Geschehens zeigt Coppola, was für einer Atmosphäre das Mädchen, kaum eine erwachsene Frau, ausgesetzt ist: viele Feiern, viel Champagner, viele Schuhe und natürlich ganz viel Kuchen, auf der anderen Seite aber auch ein öder Alltag mit verworrenen Regelungen. Es ist ein Leben vor der ganzen Welt. Der Film macht diese Seite an Marie Antoinette gut nachvollziehbar, Coppola, eine offenkundige Freundin von Sympoliken und ausdrucksvoller Bildsprache, übertreibt aber mit einer Königin, die Bildchen an die Fenster ihrer Kutsche malt und virtuos durch ihre Gärten im Petit Trianon schreitet. In The Virgin Suicides war diese träumerische Atmosphäre mehr als angebracht, hier wirkt es ein klein wenig wie Schönmalerei. Alle Akteure wirken porentief rein, obwohl man sich im 18. Jahrhundert so übertont bepuderte und einparfümierte, weil selten gebadet wurde und die Leute schlichtweg stanken. Davon sieht man hier nichts. Keine gelben Zähne, kein Haarausfall (ja, deswegen wurden die Haare so hochtoupiert) und alles ist so weiss, dass man sich das (nicht vorhandene) Waschmittel von damals zurückwünscht.
You make keys as a hobby?
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| "Lieber Gott, führe uns- wir sind zu jung zum regieren!" Ludwig XVI ist alles andere als selbstsicher. |
Andere Charaktere sind für die Geschichte eher hintergründig wichtig. Wir haben die Comtesse de Noailles (Judy Davis) und Botschafter Mercy (Steve Coogan), die Marie Antoinette permanent an ihre Pflichten erinnern und einen klaren Benehmenskodex aufstellen. Erleichterung verschaffen der Königin Freundinnen wie die Herzogin von Polignac (Rose Byrne), allesamt in die verwöhnte Welt von Versailles hineingewachsen, aber letztendlich treue und gute Begleiterinnen. Kleines Extra: Tom Hardy als eine kleine Pissnelke vom Hof, die sich gegen die Favorisierung der Königin von Hans von Fersen erbost. Kleine Rolle, aber es ist eben Hardy. Der macht aus 5 Minuten Screentime ein Erlebnis für mich.
| Der charmante menschenfreundliche Soldat aus Schweden: Hans Axel von Fersen. |
Und für wen ich jetzt zu viel verraten habe: ich habe oben geschrieben, dass von Fersen jung und schön ist bzw. war. Und er ist Schwede. Wer sich dabei nicht denken kann, in welche Richtung seine Beziehung zur Königin geht, der ist ein ganz klein bisschen schwer von Begriff.
| Schwere Zeiten für die Königsfamilie brechen an. |
Marie Antoinettes Leben endete am 16. Oktober 1793 37-jährig unter der Guillotine, neun monate nach dem Leben ihres Ehemannes. Sieht man das im Film? Nein. Erfährt man davon? Mais non! Aber das Ende des Films profitiert von der nachträglichen Stille, der Frage im Raum "Und nun?". Das ist zwar nicht besonders informierend, aber der Film ist auch keine wirkliche Historienverfilmung per se. Es blitzen schon mal Chips und Chucks durchs Bild. Ich frage mich, ob ein kurzer, informativer Text vor dem Abspann übermäßige Schmerzen verursacht hätte. Denn die Zielgruppe ist vielleicht mit der Revolution in Frankreich nicht wirklich vertraut. Was diese Zielgruppe sei?
Resumieren wir: eine grellpinke DVD, eine junge Königin (anfangs eher Prinzessin) als Heldin, Schuhe, Backwaren, Kleider, Tratsch im Kreise der Freundinnen... und vergessen wir es nicht, unserer Protagonistin wird ein eigenes Schloss geschenkt. Mit einem Minidorf hintendran. Nur für sie allein.
All das interessiert doch eher Mädchen im Alter von 14 Jahren begrenzt aufwärts. So ungern ich den Geschmack der Masse festlege, aber nur wenige Jungs werden sich angesichts der Prämisse dieses Films (und seiner Aufmachung) für Marie Antoinette begeistern können. Vielleicht irre ich mich da aber auch und muss erst meinem Geschichtskurs die DVD im Selbstversuch präsentieren. Vielleicht gehen die Jungs ja auch total steil auf Kirsten Dunst mit hochtoupierten Haaren, wer weiß.
Momentan (11. Februar 2013) kostet die DVD auf Amazon neu 6, 97 Euro und gebraucht 1, 58 Euro. Ich habe eine Gebrauchtversion, bei der, wie gesagt, sogar noch das Booklet in der Hülle in sehr gutem Zustand vorliegt.
Auf der DVD liegt allerlei Standartbonusmaterial vor wie ein Making of, entfallene Szenen und der Trailer. Allerdings gibt es auch ein sehr nettes Gadget: Jason Schwartzman führt in voller Ludwig XVI-Montur durch Versailles und parodiert dabei so ziemlich jeden Bling-a-ling-Rapper, der bei MTV sein Luxusheim präsentiert. Ist zwar nicht wirklich lehrreich, aber ziemlich lustig.
| Test: erträgst du diese Eule, steckst du den Film locker weg. |
Mir hat Marie Antoinette als Charakterstudie ziemlich gut gefallen. Wer allerdings eine Aufarbeitung der französischen Revolution, historisch korrekte Fakten und politische Duelle erwartet, wird hier allerdings derbe enttäuscht. Ich muss zudem dem Filmfan, der mit vielen Blumen, opulenten Kleidern und weiteren eher femininen Objekten nicht exzessiv umgehen will und kann, eher von diesem Film abraten. Und allen, die die Farbe pink nicht ertragen.
Alle anderen können sich auf ein delikates Eye-Candy freuen.
Marie Antoinette erhält 7,4 von 10 Owlpoints.



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