Montag, 25. März 2013

LimeViews: Die Herzogin (Film)

OT: The Duchess
Regie: Saul Dibb
Produktion: Michael Kuhn, Gabrielle Tana
ED: 5. September 2008
Land: England, Frankreich, Italien
Laufzeit: 110 min
Darsteller: Keira Knightley
Ralph Fiennes
Hayley Atwell
Dominc Cooper
Charlotte Rampling
Musik: Rachel Portman
FSK: ab 12
Genre: Biopic, Historiendrama
 
 
Hach, dieses gesellschaftliche Korsett!

Leid. Liebe. Herzschmerz.
Ich hatte ja böse Vorahnungen, als ich diesen Samstag auf VOX die Vorschau für Die Herzogin gesehen habe; klar, ein Film mit Ralph Fiennes ist Pflichtprogramm, aber Keira Knightley?
Ja, ich geb's zu, Knightley ist nicht mein Ding. Anscheinend hat sie mit der Zeit Gefallen an Kostümdramen gefunden und wurde für diese Performance auch hoch gelobt. Ist das aus meiner Sicht trotz meiner kleinen Abneigung ihr gegenüber gerechtfertigt?
Eh...

Georgiana, Duchess of Devonshire

So vielsagend heißt die Buchvorlage, eine Biographie von Amanda Foreman, über eben jene Georgiana Cavendish. Eine Trendsetterin zu jener Zeit, kann man die Herzogin heute zu den Vorfahren von Lady Diana zählen. Die Persönlichkeiten weisen mitunter verblüffende Parallelen auf: unglückliche Ehe, Affären und ein hoher Status in der Gesellschaft. Georgiana hatte sich zudem, ungewöhnlich für eine Frau ihrer Zeit, der Politik verschrieben. Um beide wölbte sich nach und nach große Aufmerksamkeit. Diana taucht sogar in der Werbung zum Film auf, was Empörung bei den Kritikern hervorruft: Diana würde dazu benutzt, ein jüngeres Popcornpublikum zu dem Film zu locken, was an und für sich nicht nötig gewesen sei.

Eine Ehe zu dritt

 
"Liebt er mich?"
Zu Anfang noch recht blauäugig
erkennt Georgiana bald, dass ihr
Ehemann nicht hält, was das Etikett
verspricht.
Durch ein Arrangement ihrer Mutter, der Gräfin Spencer (Charlotte Rampling), wird die erst 17-jährige Georgiana (Keira Knightley) mit dem älteren William Cavendish (Ralph Fiennes) verheiratet. Dieser ist überaus vermögend und hat nur ein einziges Ziel: einen Sohn. Doch Georgiana schenkt ihm nur Töchter, muss sogar noch seine uneheliche Tochter aus einer seiner Affären mit einem Dienstmädchen großziehen. Dies soll nicht die einzige Demütigung bleiben, der Herzog scheint sich nur für seine Hunde zu interessieren und betrügt Georgiana unverhohlen und in aller Öffentlichkeit. Sie lenkt sich mit Glücksspiel und Politik (dafür interessiert William sich natürlich gar nicht) ab und lernt dabei den gutaussehenden Charley Grey (Dominic Cooper) kennen, einen aufstrebenden Jungpolitiker. Es knistert, aber Georgiana ist immer noch überzeugt, ihre Ehe retten zu können. Dies nimmt sie mit William auf einem Landanwesen in Angriff, natürlich immer noch inmitten anderer Prominenz. Das Ehepaar trifft bei dieser Gelegenheit Elizabeth Hervey (Hayley Atwell), die von ihrem Ehemann getrennt lebt und sofort mit Georgiana sympathisiert. 'Bess' und Georgiana werden Freundinnen, man teilt sich von nun an sogar das Anwesen, da Bess momentan ohne Bleibe ist. Doch nicht nur das, ihr Ex-Ehemann untersagt Bess den Kontakt zu ihren drei Söhnen. Sie fängt eine Affäre mit William an, was Georgiana erschüttert: "Was man für seine Kinder tut, kennt Grenzen!"
Ménage-a-trois: William, Georgiana
und Bess
"Nein, tut es nicht", meint Bess, und der Herzog ist nicht gewillt, sie einfach aus dem Anwesen zu werfen. Nicht nur das, er holt auch noch Bess' Söhne zu ihnen. Für Georgiana ist die Situation untragbar-ihre beste Freundin schläft mit ihrem Mann, der sich fortan mehr deren als ihren Kindern zuwendet. Sie weiß nicht, wie sie aus ihrer Situation entkommen soll, zumal ihr Gatte, da von Ralph Fiennes gespielt per se ein Arschloch, immer kühler und unberechenbarer wird. Wo ist die Ausflucht? Es gibt ja noch Charles Grey, den Jüngling, der 'Tag und Nacht an sie denkt'.

 
Meine Einwände lassen sich eigentlich ganz gut mit ein wenig Dialog und Ton zusammenfassen:
"Ihr habt mir das einzige genommen, das ich nur für mich hatte! Was für ein Mann seid Ihr nur??"
*dramatische Pause*
"Sie muss verschwinden. Sofort!!"
"Vergessen Sie nicht, in welcher Position Sie sind. Ich werde sie nicht wegschicken."
*entsetzte Orchestermusik*
Ich verstehe schon, wo Drama drauf steht, muss auch Drama drin sein. Nichts dagegen. Aber Die Herzogin übertreibt an manchen Stellen und ist an anderen Stellen ausgesprochen stereotyp. In solchen Fällen greift die Historiendrama-Liste: 
  • eine wunderhübsche junge Frau im opulenten Kostümchen, die sich von ihrer Ehe die Welt erhofft.
  • ein tyrannischer Ehemann, nein, ein wahrer Schuft, der sie immer und immer wieder auf grausamste Art hintergeht. Kühlschrank ist für diesen Typ von Charakter noch wohlwollend ausgedrückt.
  • die Heldin wird eigentlich so ziemlich von allem und jedem hintergangen
  • "Ich kann meine Kinder nicht im Stich lassen!" *Drama, Drama, Drama*
  • wir sehen der Heldin und ihrem Love Interest gefühlte zwei Stunden dabei zu, wie sie sich gegenseitig sehnsuchtsgetränkte Blicke zuwerfen, ehe sie dann doch gemeinsam auf dem blütenweißen Seidenlaken landen. Das berühmt-berüchtigte nicht vorhandene Waschmittel lässt grüßen.
  • 18. Jahrhundert ist gut, England ist perfekt!
Ihr seht schon, hinter all diese Punkte können wir ein wohlwollendes Check! setzen. Aber das könnte ich ja noch verschmerzen. Gut, es gibt genug Filme mit demselben Schema, aber die Verwendung dieses gängigen Klischees muss ja nicht gleich das Todesurteil sein. Was dem Film schlussendlich das Genick bricht, ist die historische Vorlage.


Sogar eine Szene am See konnte eingebaut werden.
Schwäne inklusive.
Damit meine ich nicht, dass die Dinge über und über verdreht wurden. Was im Film geschieht mag sich so zugetragen haben, aber wir müssen uns den Titel ansehen: Die Herzogin.
Es geht um Georgiana Cavendish.
Wenn man mit diesem Werk Interesse für die Person wecken wollte, hat das nicht geklappt. Ich war die ganze Zeit über gelangweilt von der Hauptfigur, obwohl sie ja so hochdramatisch aufgebauscht wurde. Aber wenn ich über diese Frau lese und erfahre, wie unglaublich wichtig und herausragend sie für ihre Zeit war, dann frage ich mich: habe ich das in diesem Film gesehen? Oder habe ich einer Frau 110 Minuten lang beim Jammern bzw. beim Zurückhalten vom Jammern zugesehen, gewürzt mit diesem bösen, bösen Ehemann und dem lieben, lieben Liebhaber.
Man bekommt komprimiert vielleicht zehn Minuten zu sehen, was sie so politisch gemacht hat. Das macht Georgiana nicht wirklich zu einem starken Charakter, da kann der Regisseur mir noch so oft ins Gesicht drücken wollen, wie ungeheuer selbstlos und verzweifelt sie ist.

Das alte Knightley-Problem

Ralph Fiennes liefert eine glaubhafte
Sympathy for the Devil-Performance trotz alberner Perücke
Und Keira Knightley... tja. Ich will mich hier nicht ausführlich darüber auslassen, was mir an ihr nicht zusagt und ich will auch nicht sagen, ihr Spiel wäre grässlich anzuschauen. Denn das ist es zweifellos nicht, und meine Einwände ihr gegenüber im Allgemeinen ist nicht mehr als persönliche Präferenz. Aber ich muss sagen, dass sie hier wirklich nicht so toll war. Und in Stolz und Vorurteil fand ich sie vergleichsweise ganz okay. Um ihr gegenüber fair zu bleiben, es mag auch ein wenig an der Charakterzeichnung liegen.

Was dem Film über die Runden und seine 110 Minuten hilft ist zweifellos Ralph Fiennes. Ja, schon klar, ich höre mich hier wie eine kaputte Schallplatte an, aber es ist nun einmal so: Fiennes ist ein großartiger Schauspieler, der genau weiß, wie er mit so einem Charakter umzugehen hat. Es ist ja nicht so, als ob er nicht ständig die Ekelrollen bekommt. Man kann sich nur ausmalen, was für ein Akt es sein muss, einer auf dem Papier so durch und durch widerwärtigen Persönlichkeit dieses Stück an Mitgefühl einzuhauchen. William Cavendish mag Dinge tun, die moralisch kaum vertretbar sind, aber es wäre gelogen, wenn ich sage, dass ich ihn am Ende gehasst hätte.

Was die Regie angeht, so kommt sie ein wenig uninspiriert daher, man kann aber auch nicht viel schlechtes sagen. Die Optik ist so ganz okay, was Kameraeinstellungen und sonstige Cinematic Devices angeht, so bekommen wir hier reine Zweckdienlichkeiten serviert. Keine Kamerafahrten, kein Drumherum, wodurch der Film herausstechen könnte.

 
Kostenpunkt

Auf Amazon erhaltet ihr Die Herzogin gebraucht für etwas mehr als drei Euro und neu ab etwas mehr als vier Euro, solltet ihr wider erwarten total scharf drauf sein, diesen Film zu sehen bzw. zu besitzen. Zu den Extras auf der DVD kann ich euch natürlich nichts sagen, ich besitze immerhin kein Exemplar und habe auch nicht vor, mir eines zuzulegen.

Fazit

Insgesamt ist Die Herzogin bei weitem kein Muss und hält leider nicht, was eine Auszeichnung bei den Acadamy Awards verspricht. Die Optik und filmischen Mittel sind solide, bei den Charakteren und der Form wird es schwach. Hat man alles schon mal irgendwo gesehen und kann man durchaus einmal gesehen haben, ich werde mir den Film aber nicht nochmal ansehen. Höchstens etwas für absolute Keira Knightley- und Historiendramenfans, die nach Abitte und Stolz und Vorurteil noch nicht genug bekommen konnten.

Die Herzogin erhält 4,8 von 10 Owlpoints.

Sonntag, 10. März 2013

LimeViews: Fight Club (Film)

OT: Fight Club
Regie: David Fincher
Produktion: Art Linson, Ceán Chaffin, Ross Grayson
ED: 15. Oktober 1999
Land: USA
Laufzeit: 133 min.
Darsteller: Edward Norton
Brad Pitt
Helena Bonham Carter
Meat Loaf
Jared Leto
FSK: ab 18 Jahren
Genre: Sozialdrama/Thriller

Die erste Regel des Fight Club ist...

niemand redet darüber, aber insgeheim liebt die ganze Welt Fight Club. So oder so ähnlich kommt es mir vor, als ich mir den Film zum 15. Geburtstag zusammen mit der Romanvorlage wünsche (ja, dazu gibt es einen Roman, der vorher da war, aber dazu später mehr). Meine Mutter scheut die enorm hohe Altersfreigabe nicht (danke, Mum!), also liegt die DVD pünktlich auf dem Tisch.
Von Edward Norton habe ich gehört, ihn aber noch nie spielen sehen. Und Brad Pitt... ist Brad Pitt. Der nimmt mal gute, mal schlechte Rollen an, aber überwiegend gute, um fair zu sein.
Was also hat man bei Fight Club zu erwarten?

Es ist das Jahr 1996

Chuck Palahniuks Roman Fight Club wird veröffentlicht.
Okay, hier denken sich jetzt die Meisten "WUT? Bedruckte Seiten gibt es dazu auch??"
Chuck Palahniuk und sein Werk
erhielten durch den Film viel
Aufmerksamkeit.
Und ob. Fight Club begann als eine kleine Kurzgeschichte, die der 1962 in Washington geborene Palahniuk niederschrieb, nachdem er mit einem blauen Auge zur Arbeit zurückgekehrt und von seinen Kollegen nicht darauf angesprochen worden war. Diese Kurzgeschichte ist heute Kapitel 6 des Romans, der insgesamt etwa 250 Seiten zählt und seinem Autor in den USA einen Kultstatus eingebracht hat. Anderswo in der Welt sind die Einflüsse (sei es durch Film oder Buch) ebenfalls nicht von der Hand zu weisen: Fight Clubs findet man an vielen Orten, wenn man nur gut genug sucht, heißt es. Wiederum heißt es auch, dass Palahniuk vieles aufgegriffen hat, was vorher einfach nur nicht bekannt war, wie Kellner, die uns in die Suppe urinieren. Ich wünsche im Übrigen viel Spaß beim nächsten Restaurantbesuch.

Ikea, Kämpfe und Seife
Der namentlich ungenannte Protagonist sieht sich von seinem
Leben angeödet.
Fight Club wird in einem Voice Over von unserem Hauptcharakter, einem typischen Yuppie, erzählt. Unzufrieden mit seinem Leben, seinem Job als Umherreisender einer großen, nicht genannten Automobilfirma und den ganzen Ikea-Möbeln in seiner Wohnung, wird er von Schlaflosigkeit geplagt, bis er sich seelische Erleichterung durch den Besuch von diversen Selbsthilfegruppen verschafft (Highlights sind hierbei Hodenkrebs und Hirnparasiten). So lernt er in der Hodenkrebsgruppe nicht nur gescheiterte Existenzen wie Bob  kennen, sondern auch eine Mit-Simulantin namens Marla Singer, durch die er wieder in alte Muster zu verfallen droht, sprich- er kann nicht weinen, wenn sie auch da ist. Weint er nicht, kann er nicht schlafen. Man löst das Problem demokratisch und reicht einander die Telefonnummer.
Generell ist das Leben des Erzählers dazu prädestiniert, flüchtige Bekanntschaften zu machen, muss er doch für seine Firma von Flughafen A zu Flughafen B reisen und die unerfreuliche Aufgabe übernehmen, zu berechnen, was teurer wäre: die stille Entschädigung der Opfer von Autounfällen, die seine Firma zu verschulden hat, oder ein Rückruf der defekten Teile. Mit dieser Geschichte erfreut er des öfteren Sitznachbarn im Flugzeug, aber einer ist anders als sie alle: Tyler Durden.
Tyler Durden stellt Seife im großen Stil her, ist aber auch sonst durchaus fleißig und hat ein paar illustre Nebenjobs. Auch von Tyler erhält der Erzähler eine Telefonnummer.

"Schlag mich, so fest du kannst."
Tylers ungewöhnliche Bitte ist der Startschuss für den
Fight Club.
Zuhause am trauten Ikea-Heim muss er feststellen, dass von seiner Wohnung außer Asche nicht viel mehr übrig ist-anscheinend hat ihm ein Leck im Gasherd die Scheinexistenz geraubt. Unentschlossen, wo er nun übernachten soll, hat er also zwei Telefonnummern in seiner Tasche.
Und nach ein wenig Haderei mit sich selbst entschließt er sich dazu, Tyler anzurufen und um ein Treffen zu bitten.
Dieses Treffen ufert in einem Gespräch über Konsum und Dasein sowie in einer Prügelei im Hinterhof einer Bar. Beiden wird klar, dass ein paar beherzte Schläge eine neue und unglaublich gute Art der Abreaktion ist, was unweigerlich zu einer Wohngemeinschaft und der Gründung des Fight Clubs führt: ein Ort, wo Männer, die tagsüber recht gewöhnlich und unbeachtet sind, richtig Dampf ablassen, indem sie den Körper des jeweils anderen um ein paar Narben erweitern.
Eine Zeit lang scheint es so, als würden der Erzähler und Tyler ein recht solides Gespann abgeben, aber bald mischt sich Marla Singer in das unstete Leben der zwei Mitbewohner ein und die Dinge laufen anders, als unser Protagonist sich das gedacht hat.

Fight Club bedient sich also dieser recht schrillen (und dabei doch ziemlich realen) Geschichte und tut gut daran, den Erzähler diesen Touch eines Normalos zu geben, der er eigentlich nicht sein will und der für den Zuschauer zumindest ein bisschen identifizierfähig ist. Hier wird nicht nur viel Arbeit in die Hauptcharaktere gesteckt, auch die Nebencharaktere wie Bob oder Angel Face, ein recht milchgesichtiges Mitglied des Fight Club, bleiben lange im Gedächtnis.
Wer hier tatsächlich harte, markige Kampfszenen und Blut en masse sucht, der wird auf gar keinen Fall enttäuscht werden; nicht umsonst ist das FSK auf ab 18 festgelegt. Aber auch jene von uns, die sich den intellektuellen Aspekten eines jeden Filmes gerne widmen, werden nicht enttäuscht: zwischen den ganzen blauen Augen und ausgeschlagenen Zähnen findet sich eine beißende Kritik an der Konsumgesellschaft, der Reduzierung moderner Individuen auf Statussymbole.
Regisseur David Fincher verpackt dieses Paket mit verschiedensten Kamerafahrten, Einblendungen von Ikea-Artikeln in Raumansichten und ein Farbspiel, das immer düster, aber auch immer atmosphärisch daherkommt.

Ein Cast so exklusiv wie ein Fight Club

Edward Norton als Der Erzähler.
Heute frage ich mich, wie zum Geier mir bis zu meinem 15. Lebensjahr ein Edward Norton entgehen konnte. Ein Schauspieler dieses Kalibers ist schwierig zu finden: wer American History X und Roter Drache gesehen hat weiß, wovon ich rede. Und Fight Club könnte keine bessere Einführung in das Wirken dieses Mannes auf der Leinwand sein: Norton gibt dem Erzähler genau das Richtige, um zu Anfang unauffällig, aber interessant genug zu sein, um die Aufmerksamkeit des Zuschauers geschickt zu erlangen. Und dann liefert er sich zusammen mit Brad Pitt ein grandioses Spiel und scheut sich nicht, die hässlichsten Fratzen zu zeigen. Ich möchte übrigens anmerken, dass er ebenso wie Brad Pitt ein Hauptdarsteller und nicht wie erschreckend oft behauptet ein Nebendarsteller ist. Mal abgesehen davon, dass man sich mit Norton auch einen Mann mit einer angenehmen Erzählstimme im Original gesichert hat, wurde in der deutschen Synchro sein Standartvertoner gewählt. Wer also schon vorher in den Genuss einer Performance von Edward Norton gekommen ist, muss keine Angst vor einer seltsamen deutschen Sprechstimme haben.


Brad Pitt als Tyler Durden.
Für Brad Pitt ist Fight Club ein ganz klares Heimspiel: hier kann er zeigen, was er als Schauspieler wirklich drauf hat. Als Tyler Durden verkörpert er alles, was Männer sein wollen: gutaussehend, zäh, unabhängig, bei Frauen beliebt, charismatisch, irgendwie besonders und eine eigene Naturgewalt in sich selbst. Tyler schafft es schnell, eine Masse von Menschen von sich zu überzeugen. Pitt liefert uns die verrückten und ernsten Momente eines offensichtlich kranken Geistes, der sich fernab von Konsum und Norm bewegt. Es macht unglaublichen Spaß, Tyler beim agieren zuzusehen- und hören. die Figur ist sogar zu so einer Ikone erwachsen, dass es ganze Modelinien mit grellbunten Printshirts wie im Bild rechts und etliche Anträge auf Namensänderungen gab. Sowohl in dieser als auch in der Welt von Fight Club (die sich ähnlicher sind, als uns lieb ist) wären eben alle Männer gerne Tyler Durden. Vertont wird Brad Pitt wie immer von Tobias Meister, also müsst ihr euch auch hier an keine ungewöhnliche Synchronstimme gewöhnen.

 

Helena Bonham Carter als
Marla Singer
Helena Bonham Carter, bekannt vor allem für ihre Arbeit in Werken ihres Lebensgefährten Tim Burton, schafft zu diesen beiden Typen einen knalligen Gegenpart, der eher mit Worten als Fäusten Kämpfe austrägt. Oberflächlich eine verbrauchte Frau macht Marla Singer die Bekanntschaft des Erzählers, ist sie doch ebenso wie er eine Simulantin, die vortäuscht, bestimmte Krankheiten zu haben. Dass sie dabei auch in einer Hodenkrebs-Gruppe gelandet ist scheint ihr recht egal zu sein. Zwischen Marla und dem Erzähler sowie Tyler bahnt sich eine eigenartige Dreiecksbeziehung an, auf der wirklich nur genau so viel Fokus liegt wie nur eben nötig. Mit ihren Aussagen stößt Marla zwar des öfteren auf die Grenzen des guten Geschmacks, jedoch gelingt es Bonham Carter, ihr tatsächlich zwei Eigenschaften zu verleihen: Marla ist ebenso durchgedreht wie der Rest der Charaktere, wirkt aber im Vergleich zu dem Erzähler und Tyler nach und nach fast normal.

Meat Loaf als Robert
Paulson/ Bob
Doch auch beim Nebencast war Regisseur David Fincher nicht nachlässig und bietet uns vor allem zwei auffällige und herausragende Gesichter: Meat Loaf und Jared Leto, die beide als Rockmusiker ihr Geld verdienen. Während uns Meat Loafs Performance zu Anfang ein wenig belustigt oder betroffen macht (ich habe mir sagen lassen, die Reaktionen variieren), baut sich der Charakter zu jemandem auf, den wir wirklich als sympathisch empfinden. Bob ist an Hodenkrebs erkrankt, ergo mussten ihm beide Hoden entnommen werden. Als Nebenwirkung dieser OP wachsen ihm nun 'Weibertitten', wie der Erzähler es ausdrückt,was er in einer Selbsthilfegruppe zu verarbeiten sucht. Seine Biografie ist ein Mischmasch aus Stereotypen und uns Bekanntem. Ebenso wie Marla wird auch er in die Geschehnisse in und rund um den Fight Club hineingezogen.

Jared Leto als Angel Face
Weit weniger kann man zu Jared Letos Rolle Angel Face sagen. Der 30 Seconds to Mars-Sänger bekommt (der Buchvorlage entsprechend) nicht so viel zu tun wie in American Psycho oder Lord of War, erfüllt aber das allerwichtigste Kriterium für die Rolle: gutes Aussehen. Was seltsam klingt, ist tatsächlich das Markenzeichen von Angel Face: ein schönes Gesicht und ein beneidenswerter Körper. Besonders auffällig machen ihn zudem seine platinblonden Haare. Er ist eines der ersten Mitglieder des Fight Club und wandelt sich zu einem von Tylers Favoriten, was dem Erzähler ein wenig sauer aufstößt. Wie jedes andere Mitglied des Fight Club ist Angel Face Tyler treu ergeben und bereit, alles für ihn zu tun.

Der Cast von Fight Club mag nicht sonderlich ausladend sein, hat es aber in sich. Man sieht für die wenigen Charaktere, auf die sich die Geschichte konzentriert, wahnsinnig starke Darsteller in Rollen, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Du bist nicht dein Auto.
Die Mitglieder des Fight Club bejubeln Tylers Worte.
Der Zuschauer ebenso.
Neben einem strikten Regelwerk bekommen die Mitglieder des Fight Club auch ein paar sehr lässige und kultige Sätze zu hören-und hier ist ein wichtiger Bestandteil des Films: die Botschaft. Wollen wir nicht alle hören, was wir selbst über unsere Chefs und die Gesellschaft denken? Haben wir nicht auch manchmal Lust, alles um uns herum zum Teufel zu jagen und irgendwem die Fresse zu polieren? Natürlich. Und dafür haben wir hier unseren Antihelden, der all das ausspricht, was wir sowieso denken. Wer, wenn nicht Tyler Durden? Wir wollen Sprüche wie "Ihr habt Jobs, die ihr hasst, damit ihr Zeug kaufen könnt, das ihr nicht braucht." et cetera, die Liste zitierfähiger Sprüche ist lang. Und bei ihnen allen denke ich mir: sag' ich doch. Oder: endlich sagt das mal jemand!
Die ersten zwei Regeln des Fight Club
 (Man redet nicht darüber)
 können Fans weltweit runterleiern.

Ebenfalls bewundernswert sind die vielen kleinen Feinheiten, die die ganzen surrealen Ereignisse real erscheinen lassen. Ich treffe zwar nicht viele Menschen, die so schicke Klamotten wie Tyler haben (und wenn hätten sie die Sachen auch nicht mehr lange), aber sein Bademantel ist ungefähr so priceless wie die Einrichtung von Marlas Zimmer. Anspielungen auf Calvin Klein und Ikea reihen sich da prima ein und verdeutlichen schön, wovon wir uns abhängig machen und wo unsere Werte liegen.

Explosives Material
Männer, die die Welt brennen
sehen wollen-Tyler Durden ist
einer von ihnen, was nicht gerade
für Vorbildqualitäten spricht.
Oftmals wird an Fight Club kritisiert, dass die Gewaltdarstellung übertont und gefährdend sei. Das ist so ein Punkt, an dem ich nur ratlos mit den Schultern zucke und mich frage, was genau die Leute von einem Film namens Fight Club mit einer Freigabe ab 18 erwarten. Natürlich sind die Kampfszenen verstörend und teilweise abstoßend, aber je nach Interpretation ist es ein leichtes, die Gewalt zu rechtfertigen.
Ein größeres Problem sehe ich im Einfluss. Und damit meine ich nicht "schützt eure Kinder vor diesem Teufelswerk", denn Filme sind meiner Meinung nach zur graphischen Darstellung geschaffen worden und Filme haben auch das Recht, kritische Themen anzusprechen. Vielen ist es nicht klar, aber Fight Club kritisiert auch das Denken der Männer und ihre Bereitschaft, Tyler blind hinterherzulaufen. Hier ist es nun mal leider so wie in ein paar anderen Filmen, wie zum Beispiel das bereits oben genannte American History X oder A Clockwork Orange (den Protagonisten Alex seht ihr übrigens links im Bild-und wer jetzt fragt, wer das in der Mitte ist, wird ganz arg verhauen). All diese Filme richten sich in ihrer Aussage gegen ihr Thema, aber es gibt immer ein paar brillante Köpfe, die die Inhalte für bare Münze nehmen.
Die Frage ist nur, wie wir mit solchen Filmen umgehen.
Klar, wir können alle kreischen:"Das schlecht, das brutal, schädlich für die Jugend...!", aber wem bringt das bitte was?
Ich empfinde es als viel sinnvoller, wenn wir uns alle zusammenreißen und offen über Themen wie Anarchie und Rollen in dieser Gesellschaft reden, anstatt einfach zu sagen, Filme mit diesen Darstellungen seien schlecht. Insofern gibt es an Fight Club nichts wirklich anstößiges, sondern provokantes, allerhöchstens.

Kostenpunkt/ Bonusmaterial auf der DVD

Wie viel meine eigene DVD gekostet hat weiß ich nicht, ich habe sie ja schließlich geschenkt Amazon blättert ihr momentan 6,50 Euro für eine neue und etwa 6 Euro für eine gebrauchte Version hin.
bekommen, aber auf

Auf meiner Version finden sich ziemlich viele coole Extras: Audiokommentare von David Fincher, Edward Norton, Brad Pitt (die anscheinend alle wirklich sehr viel Spaß dabei hatten), Helena Bonham Carter, den Autoren und den Kreativdesignern. Es gibt eine interaktive Filmversion, bei der man an bestimmten Stellen auf ein Stück Seife klicken muss, um sich Alternativversionen der Szene anzusehen. Die Szenen sind dann ebenfalls unter 'nicht verwendete/ entfallene Szenen' nochmal seperat zu finden. Es gibt noch Trailer zu ein paar anderen Filmen und ein Wendecover, falls niemand mitkriegen soll, dass ihr einen Film ab 18 besitzt.

Bei der Aufmachung der DVD und der gesamten Ausstattung hat man sich anscheinend sehr viel Mühe gegeben. Dem Film ist anscheinend sehr zugute gekommen, dass er, obwohl er sich mit einem speziellen Thema befasst, von 20th Century Fox produziert wurde. Somit hatte man hier wohl noch ein paar Möglichkeiten im Budget, was man dem Film auch sonst ansieht.

Fazit
Fight Club ist auch nach zehn Jahren ein absolutes Muss und eines der besten Werke von Fincher. Der Film weist unglaublich viele witzige Feinheiten auf und befasst sich recht gelungen mit einem viel diskutiertem Thema. Jeder leidenschaftliche Sozialkritiker wird sich hier bestens bedient fühlen.
Wer allerdings graphische Gewalt nicht sehen kann, sollte sich von diesem Film eher fernhalten. Das FSK ist nicht umsonst so hoch, und ich rate von einem Umstieg auf die zurechtgeschnittene ab 16-Version ab.

Fight Club erhält 9,2 von 10 Owlpoints.