Montag, 25. März 2013

LimeViews: Die Herzogin (Film)

OT: The Duchess
Regie: Saul Dibb
Produktion: Michael Kuhn, Gabrielle Tana
ED: 5. September 2008
Land: England, Frankreich, Italien
Laufzeit: 110 min
Darsteller: Keira Knightley
Ralph Fiennes
Hayley Atwell
Dominc Cooper
Charlotte Rampling
Musik: Rachel Portman
FSK: ab 12
Genre: Biopic, Historiendrama
 
 
Hach, dieses gesellschaftliche Korsett!

Leid. Liebe. Herzschmerz.
Ich hatte ja böse Vorahnungen, als ich diesen Samstag auf VOX die Vorschau für Die Herzogin gesehen habe; klar, ein Film mit Ralph Fiennes ist Pflichtprogramm, aber Keira Knightley?
Ja, ich geb's zu, Knightley ist nicht mein Ding. Anscheinend hat sie mit der Zeit Gefallen an Kostümdramen gefunden und wurde für diese Performance auch hoch gelobt. Ist das aus meiner Sicht trotz meiner kleinen Abneigung ihr gegenüber gerechtfertigt?
Eh...

Georgiana, Duchess of Devonshire

So vielsagend heißt die Buchvorlage, eine Biographie von Amanda Foreman, über eben jene Georgiana Cavendish. Eine Trendsetterin zu jener Zeit, kann man die Herzogin heute zu den Vorfahren von Lady Diana zählen. Die Persönlichkeiten weisen mitunter verblüffende Parallelen auf: unglückliche Ehe, Affären und ein hoher Status in der Gesellschaft. Georgiana hatte sich zudem, ungewöhnlich für eine Frau ihrer Zeit, der Politik verschrieben. Um beide wölbte sich nach und nach große Aufmerksamkeit. Diana taucht sogar in der Werbung zum Film auf, was Empörung bei den Kritikern hervorruft: Diana würde dazu benutzt, ein jüngeres Popcornpublikum zu dem Film zu locken, was an und für sich nicht nötig gewesen sei.

Eine Ehe zu dritt

 
"Liebt er mich?"
Zu Anfang noch recht blauäugig
erkennt Georgiana bald, dass ihr
Ehemann nicht hält, was das Etikett
verspricht.
Durch ein Arrangement ihrer Mutter, der Gräfin Spencer (Charlotte Rampling), wird die erst 17-jährige Georgiana (Keira Knightley) mit dem älteren William Cavendish (Ralph Fiennes) verheiratet. Dieser ist überaus vermögend und hat nur ein einziges Ziel: einen Sohn. Doch Georgiana schenkt ihm nur Töchter, muss sogar noch seine uneheliche Tochter aus einer seiner Affären mit einem Dienstmädchen großziehen. Dies soll nicht die einzige Demütigung bleiben, der Herzog scheint sich nur für seine Hunde zu interessieren und betrügt Georgiana unverhohlen und in aller Öffentlichkeit. Sie lenkt sich mit Glücksspiel und Politik (dafür interessiert William sich natürlich gar nicht) ab und lernt dabei den gutaussehenden Charley Grey (Dominic Cooper) kennen, einen aufstrebenden Jungpolitiker. Es knistert, aber Georgiana ist immer noch überzeugt, ihre Ehe retten zu können. Dies nimmt sie mit William auf einem Landanwesen in Angriff, natürlich immer noch inmitten anderer Prominenz. Das Ehepaar trifft bei dieser Gelegenheit Elizabeth Hervey (Hayley Atwell), die von ihrem Ehemann getrennt lebt und sofort mit Georgiana sympathisiert. 'Bess' und Georgiana werden Freundinnen, man teilt sich von nun an sogar das Anwesen, da Bess momentan ohne Bleibe ist. Doch nicht nur das, ihr Ex-Ehemann untersagt Bess den Kontakt zu ihren drei Söhnen. Sie fängt eine Affäre mit William an, was Georgiana erschüttert: "Was man für seine Kinder tut, kennt Grenzen!"
Ménage-a-trois: William, Georgiana
und Bess
"Nein, tut es nicht", meint Bess, und der Herzog ist nicht gewillt, sie einfach aus dem Anwesen zu werfen. Nicht nur das, er holt auch noch Bess' Söhne zu ihnen. Für Georgiana ist die Situation untragbar-ihre beste Freundin schläft mit ihrem Mann, der sich fortan mehr deren als ihren Kindern zuwendet. Sie weiß nicht, wie sie aus ihrer Situation entkommen soll, zumal ihr Gatte, da von Ralph Fiennes gespielt per se ein Arschloch, immer kühler und unberechenbarer wird. Wo ist die Ausflucht? Es gibt ja noch Charles Grey, den Jüngling, der 'Tag und Nacht an sie denkt'.

 
Meine Einwände lassen sich eigentlich ganz gut mit ein wenig Dialog und Ton zusammenfassen:
"Ihr habt mir das einzige genommen, das ich nur für mich hatte! Was für ein Mann seid Ihr nur??"
*dramatische Pause*
"Sie muss verschwinden. Sofort!!"
"Vergessen Sie nicht, in welcher Position Sie sind. Ich werde sie nicht wegschicken."
*entsetzte Orchestermusik*
Ich verstehe schon, wo Drama drauf steht, muss auch Drama drin sein. Nichts dagegen. Aber Die Herzogin übertreibt an manchen Stellen und ist an anderen Stellen ausgesprochen stereotyp. In solchen Fällen greift die Historiendrama-Liste: 
  • eine wunderhübsche junge Frau im opulenten Kostümchen, die sich von ihrer Ehe die Welt erhofft.
  • ein tyrannischer Ehemann, nein, ein wahrer Schuft, der sie immer und immer wieder auf grausamste Art hintergeht. Kühlschrank ist für diesen Typ von Charakter noch wohlwollend ausgedrückt.
  • die Heldin wird eigentlich so ziemlich von allem und jedem hintergangen
  • "Ich kann meine Kinder nicht im Stich lassen!" *Drama, Drama, Drama*
  • wir sehen der Heldin und ihrem Love Interest gefühlte zwei Stunden dabei zu, wie sie sich gegenseitig sehnsuchtsgetränkte Blicke zuwerfen, ehe sie dann doch gemeinsam auf dem blütenweißen Seidenlaken landen. Das berühmt-berüchtigte nicht vorhandene Waschmittel lässt grüßen.
  • 18. Jahrhundert ist gut, England ist perfekt!
Ihr seht schon, hinter all diese Punkte können wir ein wohlwollendes Check! setzen. Aber das könnte ich ja noch verschmerzen. Gut, es gibt genug Filme mit demselben Schema, aber die Verwendung dieses gängigen Klischees muss ja nicht gleich das Todesurteil sein. Was dem Film schlussendlich das Genick bricht, ist die historische Vorlage.


Sogar eine Szene am See konnte eingebaut werden.
Schwäne inklusive.
Damit meine ich nicht, dass die Dinge über und über verdreht wurden. Was im Film geschieht mag sich so zugetragen haben, aber wir müssen uns den Titel ansehen: Die Herzogin.
Es geht um Georgiana Cavendish.
Wenn man mit diesem Werk Interesse für die Person wecken wollte, hat das nicht geklappt. Ich war die ganze Zeit über gelangweilt von der Hauptfigur, obwohl sie ja so hochdramatisch aufgebauscht wurde. Aber wenn ich über diese Frau lese und erfahre, wie unglaublich wichtig und herausragend sie für ihre Zeit war, dann frage ich mich: habe ich das in diesem Film gesehen? Oder habe ich einer Frau 110 Minuten lang beim Jammern bzw. beim Zurückhalten vom Jammern zugesehen, gewürzt mit diesem bösen, bösen Ehemann und dem lieben, lieben Liebhaber.
Man bekommt komprimiert vielleicht zehn Minuten zu sehen, was sie so politisch gemacht hat. Das macht Georgiana nicht wirklich zu einem starken Charakter, da kann der Regisseur mir noch so oft ins Gesicht drücken wollen, wie ungeheuer selbstlos und verzweifelt sie ist.

Das alte Knightley-Problem

Ralph Fiennes liefert eine glaubhafte
Sympathy for the Devil-Performance trotz alberner Perücke
Und Keira Knightley... tja. Ich will mich hier nicht ausführlich darüber auslassen, was mir an ihr nicht zusagt und ich will auch nicht sagen, ihr Spiel wäre grässlich anzuschauen. Denn das ist es zweifellos nicht, und meine Einwände ihr gegenüber im Allgemeinen ist nicht mehr als persönliche Präferenz. Aber ich muss sagen, dass sie hier wirklich nicht so toll war. Und in Stolz und Vorurteil fand ich sie vergleichsweise ganz okay. Um ihr gegenüber fair zu bleiben, es mag auch ein wenig an der Charakterzeichnung liegen.

Was dem Film über die Runden und seine 110 Minuten hilft ist zweifellos Ralph Fiennes. Ja, schon klar, ich höre mich hier wie eine kaputte Schallplatte an, aber es ist nun einmal so: Fiennes ist ein großartiger Schauspieler, der genau weiß, wie er mit so einem Charakter umzugehen hat. Es ist ja nicht so, als ob er nicht ständig die Ekelrollen bekommt. Man kann sich nur ausmalen, was für ein Akt es sein muss, einer auf dem Papier so durch und durch widerwärtigen Persönlichkeit dieses Stück an Mitgefühl einzuhauchen. William Cavendish mag Dinge tun, die moralisch kaum vertretbar sind, aber es wäre gelogen, wenn ich sage, dass ich ihn am Ende gehasst hätte.

Was die Regie angeht, so kommt sie ein wenig uninspiriert daher, man kann aber auch nicht viel schlechtes sagen. Die Optik ist so ganz okay, was Kameraeinstellungen und sonstige Cinematic Devices angeht, so bekommen wir hier reine Zweckdienlichkeiten serviert. Keine Kamerafahrten, kein Drumherum, wodurch der Film herausstechen könnte.

 
Kostenpunkt

Auf Amazon erhaltet ihr Die Herzogin gebraucht für etwas mehr als drei Euro und neu ab etwas mehr als vier Euro, solltet ihr wider erwarten total scharf drauf sein, diesen Film zu sehen bzw. zu besitzen. Zu den Extras auf der DVD kann ich euch natürlich nichts sagen, ich besitze immerhin kein Exemplar und habe auch nicht vor, mir eines zuzulegen.

Fazit

Insgesamt ist Die Herzogin bei weitem kein Muss und hält leider nicht, was eine Auszeichnung bei den Acadamy Awards verspricht. Die Optik und filmischen Mittel sind solide, bei den Charakteren und der Form wird es schwach. Hat man alles schon mal irgendwo gesehen und kann man durchaus einmal gesehen haben, ich werde mir den Film aber nicht nochmal ansehen. Höchstens etwas für absolute Keira Knightley- und Historiendramenfans, die nach Abitte und Stolz und Vorurteil noch nicht genug bekommen konnten.

Die Herzogin erhält 4,8 von 10 Owlpoints.

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